Leseprobe DIE REISE IM ROTEN GUMMIBOT - twonoelles

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Prosa/Lyrik > Leseproben
Aufgenommen im Kreml







In der Kurzgeschichte REISE IM ROTEN GUMMIBOOT beschreibt der Kameramann Willi Noelle seinen letzten Arbeitstag beim ORF Vorarlberg / Österreich. Diese Geschichte wurde im Frühsommer 2009 im Buch "Der Berg der Jahre, Anthologie der Literatur Vorarlberg, V #22/23, Bucher Verlag, ISBN: 978-3-902679-42-0" veröffentlicht.
Reise im roten Gummiboot


Elvis lebt. Auf dem großen Stein in der Mitte des Flusses steht es geschrieben. Bänke an der Uferpromenade, Rentner sitzen in der Junisonne. Dahinter durchs Buschwerk gnädig verdeckt, das Altersheim der Stadt. Sitzen in der Sonne, füttern Tauben, erzählen von ihren Krankheiten und wie schlecht die Welt ist. Einmal im Jahr fahren sie nach Bezau oder an den Comosee, immer ins selbe Hotel, ins selbe Zimmer. Erzählen beim Essen vom Wetter, vom Fernsehprogramm und natürlich wie schlecht die Welt ist. Die hier fahren nirgendwo hin, denke ich, sind geparkt im Gebäude hinter dem gnädigen Buschwerk, unweit der Fernsehanstalt. Tauben sind keine zu sehen. Sitzen da, die alten Leute, stumm, keine Schlechtwetterweltgespräche, kein Garnichts.

Ich grüße höflich. Mir wird klar, ich habe keine Bezeichnung oder zu viele für diese Menschen. Rentner, Pfründner, Mumien, Sozialheimbewohner, Opas, 60plus Grufties. Eine Welt, mit der ich in Kontakt kam, wenn es irgendwo einen Lebensmittelskandal gab. Bitterer Geruch von Urin, Kohlgemüse und Tannennadelspray in der Nase, Menschen anonym, „bitte nur von hinten filmen“. Ich grüße höflich. Grüßen zurück, sind wenigstens nicht stumm, auch wenn sie nichts zu sagen haben. Da war es gestern anders.

Gestern im Biergarten, die grauen Wölfe mit ihren quietschbunten Radlerdressen, sie unterhielten sich lautstark über das, was sie bekommen werden. Einige hatten schon bekommen, reden weniger und leiser, mehr über ihre Krankheiten. Waren schon in der ewigen Freizeit gefangen. Die hier sitzen stumm in der Sonne, schauen auf den Fluss, blicken auf den Unsterblichen, auf Elvis, der heute nur „ebt“, des Hochwassers wegen. Er ging nie in Ruhestand, genau so wenig wie Cäsar, James Dean, der Papst, welcher auch immer. Der King ging nie in Pension, ich habe meine Unsterblichkeit verspielt, mit dem Pensionsbescheid in der Tasche, am Weg zum letzten Drehort, zum letzten Dreh in meiner Berufswelt. Werde morgen auch ich hier sitzen? Nein. Ich werde rückfordern, zurückfordern, was mir bis jetzt versagt geblieben war. Wenn schon nicht unsterblich, dann wenigstens noch einmal Leben mit einem roten Gummiboot rausfahren. Ja, rausfahren. Ich kaufe mir ein rotes Gummiboot. Warum? Weil so gut zum blauen Comosee passt.

Der Schnee auf den Bänken schaut auf den nun nahezu ausgetrockneten Fluss. Fast stört die rote Schrift auf dem Stein diese Winteridylle. Kein Hund ist auf der Uferpromenade. Die alten Leute sitzen drinnen, im Warmen, träumen vom Urlaub in Bezau, vom Comosee. Der alte Lokführer träumt von einer Fahrt über den Arlberg am Führerstand seiner Lok. Keiner wird ihn mehr danach fragen. Die Dame in Blau von ihrer Konfektionsboutique und wie sie es immer wieder schaffte, die neueste Mode zu offerieren, auch wenn sie manchmal mit der Nadel nachhelfen musste. Die Alte in der Ecke träumt von ihrer Karriere als Souffleuse. Bitte, wann geht der nächste Schwan? In ihrem Leben wird sich kein einziger Vorhang mehr heben. Auch mich wird niemand fragen: „Sag, wie war das damals mit Arafat in Beirut?“ „Erzähl, was war damals mit Franz-Michel Hinteregger auf der Alm?“ Und es wird niemanden interessieren, was ich treibe, in Zukunft treiben werde.

Zurückfordern vom Leben wollte ich. Muss beschämt erkennen, dass ich mehr erhalten habe als ich erwartete, ja weiter erhalte, ohne zu erwarten. Anfangs beneideten sie mich, erzählten mir, was sie selber alles in der Pension machen werden. Unterm Apfelbaum liegen, eine Weltreise machen, die Wohnung renovieren. Wie wenn man sich die nächsten zehn bis zwanzig Jahre nur erholen, wie wenn man seinen Lebensabend mit Renovieren verbringen kann, wie wenn es mehrere Welten gäbe, um die man permanent reisen kann. Nur der Hausmeister erzählte nichts, quält mit Bestimmtheit weiter seine Frau oder füttert den Hund zu Tode. Ich überlege: Nein, kein rotes Gummiboot, wie es die anderen ersehnen, der Frage: „Und was machst du nachher“ aus dem Weg gehen. Kein solches Vehikel. Jetzt nicht, und später auch nicht.

Gestern im Bus saß vor mir ein Opa, umgeben von einigen ihn anglucksenden Damen. Sie schmeichelten, wie jung er doch noch aussehe, obwohl er sicher genauso ein Endsiebziger war wie sie. Ich blickte kurz auf und konstatierte: Alt, da hilft nichts. Mein eigenes Spiegelbild in der Scheibe - mit diesem Gesicht kannst du in keiner Rockband der Welt mehr auftreten, dachte ich. Höchstens den alten Leuten auf den Bänken am Fluss auf dem Kamm etwas vorblasen, das Lied vom Tod vielleicht. Aber es ist Winter, die Bänke sind leer und was zu einem Siebzehnjährigen passte, erweckt bei einem Angegrauten den Eindruck, dass er schwer dement ist. Ich werde eine Rolle finden müssen, eine, die zu älteren angegrauten Herren passt, vielleicht der unverstandene Professor, vielleicht der alternde Lebemann oder der Ehrenpräsident des Schafzüchtervereins? Die Schafe werden mir den Weg weisen, mir eine Rolle vorschreiben, in die ich wie in einen schützenden Wintermantel schlüpfen kann.
Blätter treiben im Fluss. Fußgänger genießen die Herbstsonne auf der Promenade. Manche haben ihren Hund dabei. Es ist kalt geworden. Die Bänke sind leer. Der Biergarten hat geschlossen, man sieht keine mit Rädern bewaffneten Grauen Panter. Das Altersheim wird umgebaut, vergrößert, damit es im Winter den Träumen der Insassen besser Platz geben kann. Vielleicht auch Neue, Anonyme, mit vielen Namen Bezeichnete aufnehmen kann, um ihnen ein schützender Wintermantel zu sein, in den sie nur zu schlüpfen brauchen. Ob die Dame aus der Wurstabteilung noch immer unterm Apelbaum liegt? Ein bisschen kalt ist es schon dafür. Die Blumenhändlerin ist nicht auf Weltreise gegangen, arbeitet schon das dritte Jahr weiter. Mein Nachbar hat seine Wohnung renoviert, dann die der Kinder und darauf die Wohnung der Enkelkinder. Dem Hausmeister ist die Frau weggelaufen, war zu erwarten. Jetzt sieht man ihn öfters mit seinem viel zu dicken Hund. Alle mitsamt hatten sie ein rotes Gummiboot bestiegen, sind damit hinausgefahren in die Welt, haben nicht erkannt, dass solch ein Boot ein Ventil hat. Ein Ventil, damit man die Luft hinauslassen kann, um selbst wieder Luft zu bekommen, etwas anderes zu tun, oder vielleicht ein anderes Boot zu besteigen. Langsam verschwindet die Sonne hinter den Bäumen. Lebensabend. Nein, das Leben hat mir nichts vorenthalten. Allerdings war es mein Verdienst, das Beste daraus zu machen. So wird es auch in Zukunft bleiben.

Hello DocBeim Supermarkt hängt seit gestern ein Plakat. Darauf eine über Achtzigjährige, schaut verwirrt auf die Autos am Parkplatz. Man hat ihr die Kriegsbemalung verpasst, die Fußballfans tragen. Darunter steht auf runzliger Haut „Hallo Doc“. Ob sie weiß, was dies bedeutet, ob sie weiß, was ein Rapidfan ist, ob sich für sie der Wintermantel nicht schon derart geschlossen hat, dass selbst die Erinnerungen keine Rolle mehr spielen? Das Plakat wirbt für ein Pflegeheim mit besonderer ärztlicher Betreuung. Ich sehe eine Alte, aus der man einen Affen gemacht hat, sonst nichts. Ein anderer, vergangener, längst abgelegter Film. Man stirbt, wenn die innere Uhr abgelaufen ist, oder wieder einmal Salmonellen im Essen waren, da nützt keine so gute, ärztliche Betreuung. Da kommt höchstens das Fernsehen vorbei, „bitte nur von hinten filmen“. Es wird Arbeit machen, eine passende Rolle im neuen Film zu finden. Ein Film, der schließlich für alle gleich fatal ausgeht. Aber es wird sich lohnen, die paar Jahre.

Ich gehe am Fluss entlang. Hinter mir das Fernsehstudio lassend. Ich drehe mich nicht um. Sehe nach vorwärts. Ich erinnere mich. Da war ein großer Stein in der Mitte des Flusses. Gestern ist wieder einer unsterblich geworden, denke ich, raste mit zweihundert durch eine Ortschaft, das war es dann. Ich werde keinen Wintermantel brauchen, denke ich, dieses Jahr nicht und das nächste auch nicht. Und Elvis? Der lebt jetzt woanders.

Willi Noelle

 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü