Leseprobe aus dem Buch DIE GEBORGTE WIRKLICHKEIT - twonoelles

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Die Wolfsnacht


„Ein Mond wie eine Orange“, dachte Antonia. Hätte sie im Lexikon nachgeschlagen, wüsste sie, dass dieser Wintermond nichts Gutes bringt, im Volksmund Hexenmond genannt wird. Die leuchtende Scheibe am Himmel schien über einer sonst violetten Nacht. Violette Wolken streiften die violette Kulisse der Stadt, violette Bäume säumten den Fluss, der heute besonders laut zu rauschen schien, trotz der geschlossenen Fenster. Sie saß an ihrem Arbeitstisch, hatte eben die Entwürfe für das neue Theaterstück fertig, schaute hinaus in die Nacht, die in den Farben ganz ihren Kostümentwürfen entsprach, die ihre Nacht hätte sein können.

Auf der schmalen Fußgängerbrücke, nur durch wenige Lampen erhellt, hatte sich etwas bewegt. Der Mann, den sie schon die dritte Nacht beobachtete, stand am Geländer und starrte ins Wasser. Von ihrem Platz im zweiten Stock aus konnte sie nur undeutlich erkennen, was der Fremde dort unten trieb, eines jedoch wiederholte sich jede Nacht. Er beugte sich über die Brüstung, sah lange hinunter in den silbrig glänzenden Fluss und verharrte in dieser Stellung, als spüre er kein kaltes Eisengeländer, keine Kälte vom Fluss aufsteigen, nicht den frostigen Hauch der Nacht. „Was macht der nur“, fragte sich Antonia, warf sich ihren dicken Umhang um und ging hinunter zur Brücke.
„So spät noch unterwegs, Fräulein“, der Mann war erschrocken, verbarg seine Überraschung hinter einer frechen Fassade. Wäre die Brücke nicht so spärlich beleuchtet gewesen, hätte der Mann mehr Ahnung über die Bedeutung von Farben gehabt, wäre ihm aufgefallen, dass es kein junges Fräulein war, das ihm im violetten Umhang entgegen kam. „Tun Sie es nicht“, die Worte Antonias kamen entschlossen aus der Dunkelheit. „Wer ist diese Frau“, fragte er sich ängstlich, ein Engel, nein, hatte ihm vielleicht jemand nachspioniert oder war es einfach eine nächtliche Spaziergängerin, die ihren Hund äußerln führt? Und wo wäre der Hund, ja wo wäre er? Mit einem Seufzer drehte er sich wieder dem Wasser zu. Die violette Gestalt, die hinter ihn getreten war, fragte er resigniert: „Woher wissen Sie, was ich vorhabe?“ Wäre der Mann nicht so jäh aus seinem Vorhaben gerissen worden, hätte er diese Frage nicht gestellt, hätte gewusst, dass die Frau hinter ihm keine Ahnung davon haben konnte, was da vor sich ging. Antonias Stimme hatte an Weichheit zugenommen: „Gerade deshalb bin ich da.“ „Wer schickt Sie?“ Hart kam die Stimme aus dem Mund des Mannes, der sich abrupt umgedreht hatte. Jetzt sah Antonia in ein ernstes, nicht ganz junges Gesicht, das zu einem Schuldirektor passen könnte. „Wer sind Sie?“ fragte der Schuldirektor. „Die Wolfsfrau“, hätte Antonia gerne geantwortet, eine Figur aus dem Stück, so aber hauchte sie: „Ein Engel.“ „So alte Engel gibt´s nicht, nicht einmal im Alten Testament“, der Schuldirektor hatte seine Lektion gelernt, traurig fragte er: „Und wo ist Ihr Hund?“ Sichtlich in Fahrt gekommen, gefiel Antonia dieser Wortwechsel: „Und Ihrer?“ setzte sie nach. Einen Moment lang war es ganz still auf der Brücke. Selbst der Fluss verhielt sein Rauschen, gluckerte nur leise in der schneidenden Kälte. Die Antwort des Lehrers fror in seinem Gesicht fest. Statt dessen zog er stumm ein Hundehalsband aus der Hosentasche. Die Hundemarke blitze silbrig auf, hinterließ in Antonias Gedanken eine kurze Ahnung der Wirklichkeit.

„Wieso haben Sie es gewusst“, hörte sie, in ihrem Gedankenstrom unterbrochen, den Mann fragen. „Wer schickt Sie?“ Wie es immer in leitenden Positionen ist, hatte der Herr Direktor nicht aufgepasst, war zu sehr mit seiner eigenen Person beschäftigt, sonst hätte er die violetten und gelben Flecken auf Antonias Fingern gesehen. Höchstens eine Zeichenlehrerin hätte solch farbige Finger gehabt, doch die gab es nicht an seiner Schule. Niemand hatte sich um das Privatleben des Leiters gekümmert, ihm vielleicht jemanden nachgeschickt, um später leichter den begehrten Posten untergraben zu können.

Langsam begann sich für Antonia das Puzzle dieser Nacht zusammenzufügen, ein paar kleine Teilchen fehlten noch, so fragte sie: „Und wie hieß Ihr Hund?“ Eine Träne stand in den Augenwinkeln des Mannes, er hoffte, dass Antonia es in der Dunkelheit nicht sehen würde. Schnell begann er etwas zu erzählen, um die Peinlichkeit der Situation herunter zu spielen. Er erzählte die Geschichte, die ihn nun schon die dritte Nacht auf diese Brücke trieb, erzählte, wie er an seinem Kameraden gehangen hatte, wie er sich vornahm, das letzte Andenken, das ihm von seinem vierbeinigen Liebling blieb, das Halsband, in dem Fluss zu versenken und wie er es auch in dieser Nacht nicht geschafft hatte. Antonia hörte ihm schweigsam zu. Sie war betroffen. Sie hatte die Trauer des Mannes gestört, hatte etwas getan, das ihr nicht zustand, war in dem Übermut der erledigten Arbeit zu weit gegangen. Fieberhaft arbeitete es in ihrem Kopf. Es ging auf Mitternacht, die Zeit, in der die Wölfe in ihren Gehegen jenseits der Brücke den Mond anzuheulen begannen. Antonia legte dem Schuldirektor die Hand auf die Schulter, spontan, wie wenn sie ihn schon seit Jahren kennen würde. „Ich weiß etwas Besseres“, sagte sie zuversichtlich, „wir beide gehen morgen ins Tierschutzheim und suchen einen neuen Besitzer für das Halsband.“

Später saß Antonia am Schreibtisch vor ihrem Fenster, sie malte noch ein bisschen Rot in die Entwürfe, nur ein wenig, wie die Augen der Wölfe in dieser unheilschwangeren Winternacht. Dass der Mond seinen Zoll fordern würde, war klar. Still trieb eine Leiche den Fluss hinunter, eine, die nichts, aber schon gar nichts mit unserer Geschichte zu tun hat, einer Geschichte, die am nächsten Tag im Tierheim dieser Stadt ihre Fortsetzung finden würde.

 
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